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Grenzen

Als westdeutsches Kind der späten 1980er habe ich eines erst spät verstanden: Es gibt Grenzen.

 

Die ersten knapp 20 Jahre meines Lebens verbrachte ich ausschließlich in der EU, und zu dieser Zeit gab es bereits das Schengener Abkommen – jedenfalls kann ich mich an die Zeit davor nicht erinnern.

 

Wenn man vom Besuch bei Oma in Aachen mal schnell nach Holland fährt, Lakritz kaufen, merkt man den Grenzübergang nur, wenn man bewusst drauf achtet. Als ich mit meinen Eltern nach Südtirol in den Urlaub fuhr, hätte ich die Grenze gar nicht bemerkt, wenn nicht meine Mutter mitten auf irgendeinem Berg gerufen hätte „Schau, wir sind in Italien!“

 

Unser Leben lang ist meiner Generation eingetrichtert worden, wie wichtig Europa ist. Dass dann im März 2020 erst einmal alle die Grenzen geschlossen haben, schockiert mich noch heute.

 

Wie dem auch sei: Ich bin in der Hinsicht irgendwas zwischen naiv, verwöhnt und unerfahren.

 

Dass es ein unglaubliches Privileg ist, qua Geburt einen deutschen Pass zu haben, weiß ich, kognitiv. Erlebt habe ich es erst hier.

 

Warum auch immer dachte ich, dass man insgesamt fein raus ist, wenn man einen Pass aus der EU hat. Das ist mitnichten so. Die Kollegen aus Rumänien und der Slowakei beispielsweise können nicht mal eben übers Wochenende nach Südafrika düsen, weil sie dafür ein Visum bräuchten, das sie wohl in aller Regel gar nicht erst erhalten. Gleiches gilt für einen Ausflug zu den Victoria Falls, die in Zambia und Zimbabwe liegen, wobei hier ein paar Dollares geholfen haben könnten.

 

Und dann habe ich hier noch eine neue Erfahrung gemacht. Selbst mit meinem tollen deutschen Pass darf ich nicht machen, was ich will.

 

Wir haben eine bisher ernüchternde Odyssee hinter uns, ein Visum für mich zu organisieren. Die Schwierigkeit ist, dass wir ganz auf die Unterstützung von Einheimischen angewiesen sind, weil wir selbst gar nicht verstehen, wie wir ein Visum beantragen könnten. Welches Visum oder welche Art von Verlängerung wir brauchen, ist auch nicht klar.

 

In Botswana gilt, dass Ausländer 90 Tage pro Jahr im Land sein dürfen (zumindest Deutsche). Es ist nicht so, dass diese 90 Tage wieder neu anfangen, wenn man einmal ausgereist ist, sondern eben nach 365 Tagen. Möglich ist generell eine einmalige Verlängerung pro Kalenderjahr um 90 Tage, die dann aber am Stück gelten.

 

Als ich also im April eingereist bin, lief das auf Touristenvisum. Es hieß im Vorfeld, man würde uns unterstützen, ein permanentes Visum für mich zu organisieren. Nachdem ich dann in Gaborone war, fehlte dafür plötzlich die Heiratsurkunde: Man würde uns helfen, jaja, aber nur dann, wenn wir verheiratet wären. Sonst nicht, sorry, kicher, kicher…

 

Wir lernten dann jemand kennen, der jemanden kannte, der uns helfen sollte, zumindest ein Kurzzeitvisum zu beantragen. Nun ja, da wir keine andere Wahl hatten, wollten wir es versuchen.

 

Zunächst mal haben wir das „Büro“ dieses Visatypen gar nicht gefunden, denn die Batswana arbeiten nicht mit Straßennamen, sondern mit „hinter der Brauerei an der dritten Kreuzung rechts“. Also haben wir zwei Anläufe und drei Anrufe einer einheimischen Kollegin gebraucht, um überhaupt bis zum Visatyp zu kommen. Der hat uns zunächst mit Formularen und Formalitäten geholfen, und schließlich ging ich mit ihm zur Immigration, Fingerabdrücke abgeben. Das war eine Woche vor meiner Abreise. Das Visum gab es an jenem Tag im Juni nicht: „Der Drucker ist kaputt, komm Dienstag wieder.“

 

Also kamen wir Dienstag wieder. Da ich aber auch irgendwann mal arbeiten muss und nicht wieder vier Stunden darauf warten konnte, dass nichts passiert, einigten wir uns darauf, dass ich Visatyp nur meinen Pass gebe und diesen abends mit Visum zurück erhalte.

 

Abends fuhr ich also zu seinem Büro (hinter der Brauerei an der dritten Kreuzung rechts) den Pass holen – inzwischen zwei Tage vor Ausreise nach Deutschland und mit entsprechend mulmigem Gefühl, meinen Pass überhaupt aus der Hand gegeben zu haben.

 

Es habe nicht geklappt, hieß es von einer Mitarbeiterin, ich solle morgen wiederkommen, und wo mein Pass sei, das wisse sie leider auch nicht.

 

Tief durchatmen… und dann doch ausflippen.

 

Ich hab mich einfach vor das Büro auf den Bürgersteig gesetzt und gewartet, weil ich ratlos war und mir nichts besseres einfiel. Währenddessen versuchte Jürgen von seinem Büro am anderen Ende der Stadt aus, Visatyp zu erreichen. (Hier hilft es leider immernoch, wenn sowas von Mann zu Mann geht)

 

Eine halbe Stunde später und einige Nerven weniger kam schließlich eine Frau des Weges, die ich noch nie gesehen hatte: „hey sister, here is your passport!“ und drückte mir tatsächlich meinen Reisepass in die Hand.

 

Am nächsten Morgen fuhr Jürgen mit Visatyp zur Immigration. Nach der Erfahrung ließen wir meinen Pass nun wirklich nicht mehr aus den Augen. Ein Tag vor Ausreise.

 

Der Drucker war immernoch kaputt. Aber meine Daten seien im System, alles kein Thema, ich hätte 60 zusätzliche Tage Aufenthalt bis März 2022.

 

If only.

 

Aber gut, ändern konnte ich es nicht und flog am nächsten Tag erst einmal nach Hause, wo ich in 14 Tagen Quarantäne reichlich Zeit hatte, das Erlebte zu verdauen.

 

Anfang Oktober ging es zurück nach Gabs, und ich war entsprechend nervös, wie die Einreise verlaufen würde. Würden sie mich reinlassen? Fragen stellen? Nichts passierte, ich erhielt sieben Tage Aufenthalt und durfte problemlos einreisen.

 

Nanu? Sollte es das gewesen sein?

 

Aber nein.

 

Schließlich wollte ich nach unserem Namibia-Urlaub wieder nach Botswana einreisen und hatte immer noch nichts in der Hand, das mir das erlauben würde.

 

Inzwischen kam doch Unterstützung, auch ohne Trauschein. Man würde uns ein Visum beantragen. Drei Tage später ging ich mit einer Kollegin von Jürgen zur Immigration – alles kein Problem, nur Fingerabdrücke abgeben.

 

Die Beamtin dort stellte dann schnell fest, dass ich systembekannt bin. Und schon einmal eine Verlängerung beantragt hatte. Böse, böse.

 

Was war passiert? Visatyp hatte nur eine 90-Tage-Verlängerung beantragt, die uns im Juni natürlich nichts brachte, weil ich ja sowieso ausreiste. Übrigens hat Visatyp von uns bis heute keinen Pula von uns für diese Aktion erhalten und wir haben auch nie wieder von ihm gehört.

 

Nun, offensichtlich war damals wirklich der Drucker kaputt, aber jetzt hatten wir das Problem, dass ich nicht nochmal denselben Antrag stellen darf. Bzw dass dieser abgelehnt wird. Und ich bis April nicht mehr ins Land darf.

 

Hinzu kommt, dass in den zwei Anträgen, warum ich diese zusätzlichen Tage Aufenthalt brauche, verschiedene Begründungen stehen. Was ich nicht wusste. Und was die Beamtin verständlicherweise nicht lustig fand.

 

Man wolle sich im General Meeting besprechen, wie es nun mit mir weitergehen solle, erklärte sie not amused.

 

Am nächsten Tag flogen wir nach Namibia in den Urlaub. Es wurde uns zugesichert, dass wir direkt Nachricht über die Entscheidung erhalten würden… Wenig überraschend war dem nicht so.

 

Wir fragten uns also zwei Wochen lang, was wohl passieren würde, wenn wir aus Namibia wieder einreisen.

 

Als wir dann gestern Abend wieder am Flughafen in Gabs ankamen, wussten wir nicht, ob ich heute schon meine Koffer würde packen dürfen oder ob die Reise noch weitergeht. Die Einreisebeamtin kontrollierte erst Jürgens Pass, dann meinen, fragte, warum ich kein Residence Permit habe und besprach sich schließlich mit ihrer Kollegin. Die konnte anscheinend im System nachvollziehen, dass ich den Antrag gestellt hatte und nachdem ich nachgewiesen hatte, dass ich einen Rückflug nach Deutschland habe, bekam ich meinen Stempel für die nächsten 20 Tage.

 

Ist nun alles gut? Nicht ganz. Ich muss nochmal ins Immigration Office, um mir diese Verlängerung bestätigen zu lassen, und wie es weitergeht, wenn ich nächstes Jahr einreisen will, ist auch noch nicht raus.

 

Es bleibt also spannend – to be continued…

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