Gaborone

Unsere Truman-Show

Wer erinnert sich noch an die Truman Show, den Film mit Jim Carrey von 1998? Ein ziemlich gruseliger Film, in dem Jim Carrey als Truman in einer Fernsehkulisse aufwächst. Er weiß nicht, dass alle Bewohner der Stadt Seahaven Statisten und selbst seine Eltern Schauspieler sind, bis er schließlich herausfindet, dass etwas nicht stimmt. Er erkennt, dass seine Heimatstadt nicht echt ist und flüchtet am Ende des Films in die reale Welt.

💖 In Seahaven ist alles ein bisschen zu perfekt. Ein bisschen zu künstlich. Genau wie hier in unserer Wohnanlage. Ich habe noch kein Bedürfnis zu flüchten, aber der Unterschied zur realen Welt um uns herum ist gewaltig.

🏘️ Am ehesten kann man den Komplex wohl als Gated Community bezeichnen: Eine Nachbarschaft mit vielleicht 30-40 Häusern, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer, darauf Elektrozaun, davor Stacheldraht. Rein kommt man nur mit Chip oder auf Einladung eines Anwohners. Nachts patrouillieren Wachleute, am Eingang sitzen ebenfalls welche. Allerdings sind sie nicht bewaffnet, anders als z.B. in Südafrika. Waffen trägt hier in Botswana anscheinend nicht einmal die Polizei.

💰 Die Bewohner der Anlage (nennen wir den Komplex mal so) sind entsprechend wohlhabend, jedenfalls im Vergleich zur restlichen Bevölkerung. Europäer sind allerdings gar nicht mal in der Mehrheit; das sind eindeutig die Chinesen, danach folgen Inder, Südafrikaner und auch ein paar Botsuaner sind dabei. Ansonsten ist die Expatblase jedoch perfekt und wahrscheinlich müsste man sie auch nicht verlassen außer zum Einkaufen.

🌺 Die Vorgärten sind tiptop herausgeputzt, kein Blättchen liegt auf der Straße, Müll sowieso nicht. Es ist eine unwirkliche Welt: Morgens fahren die Bewohner raus und die Heinzelmännchen kommen rein. Maids, Gartenarbeiter, Straßenfeger melden sich am Gate und bringen tagsüber alles in Ordnung, damit die Welt wieder perfekt ist, wenn die Bewohner abends wiederkommen.

👻 Wer normal außerhalb der Anlage arbeitet, für den passiert all das von Geisterhand. Weil ich den ganzen Tag zu Hause bin, kenne ich unsere Maids Neo, Elizabeth und George inzwischen schon. Bisher sind sie jeden Tag gekommen und haben uns den kompletten Haushalt abgenommen. Ab nächster Woche wird das nur noch einmal die Woche der Fall sein – denn ehrlich, zu Hause putze ich auch nicht öfter und meine Wäsche wasche ich lieber selbst.

⚽ Zum Glück spielen hier nachmittags und abends die Kinder aus der Nachbarschaft auf der Straße Fußball, veranstalten Mountainbikerennen und jagen sich lautstark durch die Gärten. So entsteht wenigstens ein wenig Eindruck von Leben – alles andere ist einfach perfekt choreographiert und organisiert.

💧 Einmal die Woche kommt der Wasser-LKW und füllt die großen grünen Tanks. Dabei verliert er einen guten Teil seiner kostbaren Ladung schon unterwegs, und nachher steht der Parkplatz regelmäßig unter Wasser. Gaborone hat wie ganz Botswana ein Wasserproblem und die Versorgung ist regelmäßig unterbrochen. Die Tanks gehören daher zum Stadtbild. Wer es sich leisten kann, hat zusätzlich zur eigentlichen Wasserversorgung einen Tank, damit das Frischwasser immer fließt. Trotz der Wasserknappheit werden die perfekten Pflanzen hier in der Anlage natürlich reichlich bewässert, ebenso der Rasen. Allerdings sind viele Flächen auch mit Plastikrasen ausgelegt oder gleich geschottert, eben damit kein Gras gewässert werden muss.

🌵 Unter dem Kunstrasen befindet sich nämlich der rote Staub Botswanas – und der ist bei der extrem niedrigen Luftfeuchtigkeit eben wirklich Staub und keine Erde. Es regnet momentan nur etwa alle zwei Wochen mal, ansonsten liegt die Luftfeuchtigkeit bei 15-20% (zum Vergleich: in München sind es im Durchschnitt je nach Jahreszeit 65-80%).

Der Vorteil der trockenen Luft: Die durchschnittlich 27-32°C sind einfach schön warm und gut erträglich. Der Nachteil: Es ist eben merklich trocken, der Boden ausgedorrt, bei einem Windstoß steht man in einer roten Wolke. Außerdem: Haut und Haare sind sehr trocken, ich brauche wesentlich mehr Creme als zu Hause und trinke locker 4 Liter Wasser am Tag, ohne es wirklich zu merken.

🌊 Das Leitungswasser zumindest hier ist aber gut. Wir nutzen es zum Kochen, Zähne putzen und für Tee. Aus Gewohnheit habe ich auch ein paar Mal ein Glas Leitungswasser getrunken, ohne Bauchweh zu bekommen, aber normalerweise kaufen wir abgepacktes Trinkwasser in 5-Liter-Kanistern.

🔌 Anders als Wasser kann Strom selbst in unserer perfekten Truman-Welt mal ausfallen. Auch Strom ist hier ein knappes Gut – Botswana produziert einfach nicht genug für seine Einwohner, deshalb gibt es regelmäßig Stromausfälle. Firmen behelfen sich teilweise mit Notstromaggregaten, wir hatten bisher nur einen längeren Stromausfall von mehreren Stunden. Der war nachts und das größere Problem war, dass danach das Internet noch den halben Tag lahm gelegt war. Zum Glück war das bisher aber nur zweimal der Fall – beim ersten Mal hat es uns überrascht, für das zweite Mal hatten wir dann schon vorgesorgt und einen Plan B entworfen, so dass ich doch den ganzen Tag mit dem Draht nach Deutschland versorgt war.

🗯️ In unserer Expatblase lebt es sich also fast wie zu Hause, jedenfalls was den Lebensstandard betrifft. Auch im Zentrum von Gaborone sieht es modern aus, die Gebäude sind neu, die Straßen gut. Sobald man jedoch die Hauptstraßen verlässt, wird es gleich ländlicher und sobald man Gabs hinter sich lässt, gilt das erst recht. Dann übernehmen Ziegenherden, Esel und Kühe die Straße. Hinter den einfachen Häusern stehen Aushäusl, und anscheinend hat nicht einmal jeder zweite überhaupt Strom im Haus: nur 37% der ländlichen Bevölkerung haben Elektrizität zu Hause, jedenfalls stand das kürzlich in der Zeitung.

Das heißt aber nicht, dass hinter den Mauern der Anlage das Elend haust. Botswana gehört zu den afrikanischen Ländern mit dem höchsten Lebensstandard, es gibt ein Gesundheitssystem und die Kinder gehen eine nennenswerte Zahl von Jahren in die Schule.

Für die, die Hans Rosling gelesen haben: Botswana befindet sich in Level 3. Was genau das heißt und wie unsere Eindrücke bei unserem ersten Ausflug aus der Stadt waren: Das folgt beim nächsten Mal. Oder beim übernächsten Mal.

Natürlich gibts auch in der Anlage Speed-Bumps. Die sind in Gaborone einfach sehr beliebt.
Der kleine Kreisverkehr. In Botswana ist Linksverkehr, also geht es im Uhrzeigersinn vorbei.
Auch Kreisverkehre sind hier sehr beliebt.
Neben den Häusern gibt es auch einen Komplex mit Wohnungen. Hier leben wir.
Wunderschöne (und hochgiftige) Frangipani-Bäume gibt es hier in Mengen.
Der große Kreisverkehr, rechts das Tor zur Außenwelt. Daneben das Wachhäuschen.
Nein, dieses Bild ist nicht nachbearbeitet. Der Rasen strahlt so grün und ist aus 100% Plastik.
Unsere Wasserversorgung: mehrere Tanks mit 10.000 Litern Frischwasser, die einmal wöchentlich aufgefüllt werden.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.